Meersehnsucht

Muss man erst alles verlieren,
um sich selbst finden zu können?

Kims Leben liegt in Scherben, die Wunden in ihrer Seele scheinen unheilbar. Ihr Ex-Freund hat sie nicht nur belogen und ohne ein Wort verlassen, sondern ihr alles genommen: Wohnung, Arbeitsstelle und Vermögen. Völlig am Boden zerstört weist sie sich selbst kurzerhand in die Psychiatrie ein. Überraschenderweise wird wahr, woran sie nicht zu glauben gewagt hatte und die Therapie entwickelt sich zu ihrem Rettungsanker. Als sie nach Wochen die Klinik verlässt, ist sie zwar längst noch nicht geheilt, doch ahnt sie, dass nur sie allein für ihr Glück verantwortlich sein kann. Sie selbst muss die Veränderung sein, die sie schon so lange in ihrem Leben herbeigesehnt hatte.
Doch ist Kim alleine überhaupt stark genug für diesen mutigen Schritt? Schafft sie es, ihr gewohntes Umfeld und die damit verbundene Sicherheit für einen kompletten Neuanfang am Meer zu verlassen? Kann sie auf Dauer die Oberhand über Depressionen und Ängste behalten? Oder verfällt sie wieder in altbekannte, destruktive Verhaltensmuster?Und wieso begegnet ihr zu allem Überfluss der unglaublich attraktive, wenngleich beängstigend geheimnisvolle Sohn einer ehemaligen Mitpatientin immer wieder?

Leseprobe

– Prolog –

Manche Dinge kann man nicht in Worte fassen. Besonders wenn es um Gefühle geht, gestaltet sich die genaue Beschreibung des Öfteren sehr schwierig. Emotionen sind ohnehin eine wirklich komplexe Angelegenheit. Nicht selten verlieren wir uns darin, schenken ihnen zu viel Bedeutung oder ignorieren sie gänzlich. Alles ist möglich und ein ständiger Wechsel ist quasi Normalität. Häufig fragen wir uns, was wir fühlen. Noch häufiger taucht das Wörtchen warum in diesem Zusammenhang auf. Warum ich? Warum muss ich lieben? Loslassen? Verlieren? Warum wird mir entrissen, was ich am meisten brauche?

Gibt es irgendwo in diesem Leben die Antwort auf eine dieser Fragen? Oder werden wir genauso unwissend sterben, wie wir einst geboren wurden? Nur mit einer Seele, die zerbrochener nicht sein könnte? Einem Haufen Scherben, funkelnd in den unterschiedlichsten Farben, jede einzelne davon einzigartig, wie Diamanten in der Sonne – aber eben kaputt.

– Dunkelheit –

„Bitte nehmen Sie hier Platz, Frau …“, Sie schielte kurz auf das Papier in ihren Händen. „ …Frau Maier. Der Arzt holt Sie dann ab.“

Ich nickte, das mulmige Gefühl in meiner Magengegend war zwischenzeitlich so penetrant geworden, dass ich es nur noch unterschwellig wahrnahm. Was machte ich hier eigentlich?

Ich setzte mich auf einen der schwarzen Plastikstühle, schlug die Beine übereinander, verschränkte meine Arme vor meinem Oberkörper, fast so, als wolle ich einen wertvollen Schatz verbergen. Die Krankenschwester, die mir den Platz hier zugewiesen hatte, war längst in einem der Zimmer verschwunden, als ich meinen Blick den Gang entlang schweifen ließ. Alles war so ruhig. Ganz untypisch für ein Krankenhaus. Herrschte da nicht immer Trubel? Waren nicht ständig irgendwelche Menschen auf den Gängen, hetzten von A nach B und zwischendrin bimmelte das Stationstelefon monoton, während an mindestens vier Zimmern gleichzeitig das rote Lämpchen brannte, das den Schwestern, Pflegern und Ärzten zeigte, dass sie hier jetzt unverzüglich gebraucht wurden?

Vielleicht befand ich mich aber auch in einem Teil des Hauses, in dem gar keine Patienten untergebracht waren? Meine innere Stimme forderte mich auf zu gehen. Noch war die Chance da, die Tür lag unmittelbar vor mir. Noch könnte ich es schaffen. Weißt du überhaupt, auf was du dich da einlässt?, mahnte mich mein Verstand. Ich kapitulierte. Er hatte recht. Ich wusste es nicht, ich wusste gar nichts. Allerdings war ich mir bei einer Sache sicher – ich konnte nicht so weiterleben, wie ich es die letzten Wochen und Monate getan hatte.

Deshalb war ich hier, saß in einem langen, ruhigen Gang auf einem Plastikstuhl, auf dem sicher schon Hunderte vor mir gesessen und darauf gewartet hatten, dass ihnen geholfen wurde. Wie vielen von ihnen dieser Wunsch wohl erfüllt wurde?

„So. Frau Maier, nehme ich an. Ich bin Dr. Schwarz.“

Ich zuckte erschrocken zusammen, als sich eine Tür schräg hinter mir geöffnet hatte. Dass sie überhaupt da war, fiel mir erst just in diesem Moment auf. Ein Mann um die 50 mit dicker Hornbrille und weißem Kittel bis an die Knie blickte mich relativ ausdruckslos an.

Ich erhob mich, machte einen Schritt auf ihn zu und reichte ihm die Hand.

„Kommen Sie.“ Er deutete in sein Zimmer. Vorsichtig ging ich hinein, blickte mich um. Ein ganz normales Arztzimmer, wie in jeder anderen Praxis, die ich bisher gesehen hatte. Sogar das obligatorische Familienfoto stand gerahmt auf dem Schreibtisch. Ob es sich in Gesellschaft dieser ganzen Fachliteratur nicht ein bisschen einsam fühlte?

Ich nestelte etwas an meiner Hose und setzte mich dem Arzt gegenüber. Er tippte schon wild auf seiner Tastatur herum. Was er wohl jetzt schon über mich wissen konnte?

Sicher maßte er sich – wie meiner Meinung nach die meisten Ärzte – an, Patienten binnen weniger Augenblicke in die passende Schublade einordnen zu können. Unterm Strich waren ja alle Menschen so wahnsinnig berechenbar und gleich.

Machte ich da überhaupt einen Unterschied?

Was sah er in mir? Und was sahen die anderen Menschen, denen ich tagtäglich über den Weg lief?

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